Pressestimmen zu "alpha[ge]bet"

Die Zeilen denken sich selber, und der Witz, oder von mir aus der Geist oder der Sinn, der dabei durch die Zeilen purzelt, ist der Denkzeilenwitz.
Freilich braucht auch die Sprache in ihrer reduziertesten Form eine Ordnung. Und die findet Rudolf Kraus diesmal im klassischen alten Alphabet.
Dass das poetische Verfahren von Rudolf Kraus grafisch ausbaufähig ist, davon zeugt übrigens der allerletzte Text „zenit“.
Hören Sie doch einmal zu!
An ein Ende brauche ich bei den Denkzeilen von Rudolf Kraus logischerweise nicht denken.

Beppo Beyerl

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GEGENWARTSLITERATUR 2620

 alpha[ge]bet

 In der Beschwörungsformel „alpha[ge]bet lassen sich wie bei einem innig verschmolzenen Bimetall die Wesenszüge Alphabet und beten herauslesen. Diese Formel weist auf den fast religiösen Zusammenhang zwischen der Existenz der Dinge und seiner Benennung hin.

Rudolf Kraus ist Bibliothekar und hat dadurch wie alle Angehörigen dieser Berufsgruppe einen Haltegriff, der seit Jahrhunderten unverändert ist, das Alphabet. Oft werden Bibliothekare allein deshalb für ihren Beruf beneidet, weil sie eine Ordnung haben, die unverrückbar ist, denn es sind immer die Bücher, die verrückt werden müssen für das Alphabet, nie das Alphabet selbst.

In einer Vorbemerkung für die Texte, die mit „sechsundzwanzig und ein versäumtes“ abgezählt sind, schreibt Beppo Beyerl von Denk-Zeilen, die in den Sprachminiaturen zum Vorschein kommen. „Die Zeilen denken sich selber, und der Witz, oder von mir aus der Geist oder der Sinn, der dabei durch die Zeilen purzelt, ist der Denkzeilenwitz.“ (9)

Ordnung und Substanz halten sich in den Sprachminiaturen die Waage, es ist ein festes Gefüge, worin die Texte ausgelegt sind, und gleichzeitig sprengen die einzelnen Zeilen wieder die Ordnung des Alphabets. In einem sogenannten „versäumten Alphabet“ werden die Schlüsselwörter alphabetisch untereinandergeschrieben und es entsteht eine Assoziationskette nach dem Muster: „Anfang – böse – Charakter – Dämmerung“.

Unter dem Mantel dieses Giga-Gedichtes breiten sich dann die Strahlen des Alphabets aus, wobei die einzelnen Buchstaben kalligraphisch überhöht links zu einem visuellen Gedicht auskristallisieren, während rechts eine Textformation aussintert.

„a /// anfang // komm / teilen wir uns / den nächsten atemzug / und die sehnsucht / das glück und / den tod“ (14/15)

„d /// dämmerung // zünde eine kerze an / damit die traurigen / dinge sehen können // ob sich / ihre traurigkeit / noch lohnt“ (20/21)

„q /// quak // schrill und laut / kräht / eine nebelkrähe / ihr vielschichtiges krähensprech // gleichwohl folgt keine stille // wild entschlossen / quakt / eine Gans / sich in den mittelpunkt“ (46/47)

„u /// unendlich // zeit steht still / wenn / zeit es will“ (54/55)

Die Miniaturen streben nicht nur dem Z entgegen, an dessen Zeiterfassungsgerät der Bibliothekar aus-checkt, wenn es Abend wird, im visuellen Gebäude türmt sich alles zu einem akustischen Halbzelt auf, das um den Satz errichtet ist: „du musst nur einmal richtig zuhören“.

Rudolf Kraus lädt den Leser ein, sich auf Miniaturen einzulassen, während rundherum das große Wortgetümmel, der Mega-Kanon und die mehrbändigen Bände täglich von den Regalen herunter auf uns niederstürzen. Während in den Romanen die Wörter toben, hört man in den Sprachminiaturen jene Nuancen, die nur abseits des großen Wörterwindes zu hören sind.

 

Rudolf Kraus: alpha[ge]bet. sprachminiaturen. Mit einem Vorwort von Beppo Beyerl.

Wien: Verlagshaus Hernals 2017. 67 Seiten. EUR 22,90. ISBN 978-3-902975-31-7.

Rudolf Kraus, geb. 1961 in Bad Fischau, lebt in Wien.

 

Helmuth Schönauer 24/05/17