Pressestimmen zu "die letzte frage der menschheit"

Der Klang des Fuurin

 Rudolf Kraus schreibt Lyrik. Er schreibt sie beständig. Seit mehreren Jahrzehnten schon folgt er dabei immer gezielter einem konzeptuellen Ansatz, und das nicht nur begrenzt auf das jeweilige Werk. Nein, vielmehr versteht Kraus sein Schreiben per se als Konzept, was sich auch in der atomuhrungenauen Pünktlichkeit, mit der er jedes Jahr einen neuen Band herausbringt, manifestiert. Eindeutig ist auch seine neue Sammlung an streng dem formalen Prinzip des Haiku folgenden Dreizeilern eine konzeptuelle Arbeit.

Bei genauerer Betrachtung erkennt man jedoch, dass Haiku nicht als richtige Bezeichnung für Kraus’ neueste Gedichte bestehen kann. Dessen strenge inhaltliche Vorgaben nämlich kategorisch ignorierend, tänzeln diese hier vorliegenden meist filigranen, von jeglicher Theatralik befreiten Siebzehnsilber mehr wie ein sanft bewegtes Windspiel in den Seiten des Buches, in ihrem, wie auf dem Cover angedeutet, Kirschgarten. Möchte ich also für Rudolf Kraus’ neue Gedichte einen Begriff finden, will ich sie benennen, würde ich Fuurin, das japanische Wort für „Windspiel“, wählen, handelt es sich doch um eine neue, vom klassischen Haiku abgeleitete, eigenwillige Form desselben. Einem kindlichen Wesen gleich bezaubern diese jeder inhaltlichen Schwerkraft enthobenen Fuurin durchweg mit ihrer Offenheit und ihrer Furchtlosigkeit, mit der sie sich trotzig den großen Themen des Lebens stellen – um im nächsten Moment mit einem unerwarteten Hakenschlag das clowneske Element der Brutalität des Daseins angesichts der nie zu ertragenden Gewissheit unseres Todes hervorzukehren. Momente der alkoholgeschwängerten Einsamkeit, die Hinterhöfe der Großstadt, das kleine Elend, das die Werktätigen mit der Zeit erwürgt, die schreckliche Erkenntnis des Alterns, die Unerfüllbarkeit unserer glosenden Sehnsüchte – es sind die kleinen Tragödien, die uns mit der Zeit auffressen. Rudolf Kraus führt seiner Leserschaft vor, wie man es zuwege bringt, sich selbst trotz aller Widrigkeiten nicht allzu wichtig zu nehmen. Diese Grundeinstellung hilft, wie ich unbeirrbar meine, im Allgemeinen schon ein ganzes Stück weiter, für den Fall, dass man eine bessere Welt anstrebt. Am Leben scheitern wir alle, aber wenn, dann bitte mit selbstironischer Würde. Genau dieses gewisse lausbubenhafte Understatement ist Rudolf Kraus’ Werk von jeher eigen.

In „die letzte frage der menschheit“ findet es sich bereits im Titel: Denn die Namensgleichheit mit einem ganz Großen des österreichischen Literaturkanons verführt freilich zum Spiel damit, große Kunst aber ist es, aus diesem Spiel gleich noch ein Spiel zu machen. Denn dieses Mammutprojekt, diese allerletzte Frage der Menschheit, fragt Kraus, ist sie Schein oder Nichtschein? Kann man sie denn überhaupt stellen? Und wenn ja, wer soll sie beantworten? Vor allem aber: Wer soll die Antwort dann noch hören? Können? – Angesichts der tonnenschweren inhaltlichen Aufladung dieser Frage, mit der die Hoffnung auf eine Antwort schon im Keim erstickt wird, ist sie vielleicht doch ganz banal im Klang eines von Rudolf Krausens geistigem Atem sanft bewegten Fuurin zu finden.

 Armin Baumgartner

 

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https://www.verlagshaus-hernals.at/tag/rudolf-kraus

 

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